Schulbildung für Schaustellerkinder

In früheren Jahren sind ca. 80 % aller Schaustellerkinder mit auf die Reise gegangen und haben in der Zeit bis zur Vollendung der Schulzeit unzählige Schulen kennen gelernt. In der heutigen Zeit, macht das nur noch ein geringfügiger Teil der Kinder. Vielmehr bleiben sie heute eher in Internaten, bei Großeltern oder in Pflegefamilien während der Reisezeit, um so eine feste Schule besuchen zu können.

Inmitten des Pützchens Markt - Geländes befindet sich die Marktschule, eine Grundschule der Stadt Bonn, die von den meisten älteren Schaustellern, die heute noch in Pützchen Platz finden, auch als Kinder besucht wurden.

Die Kinder führten damals ein Schulbesuchs-Ausweis-Heft, in dem der regelmäßige Schulbesuch und die allgemeine Beurteilung des Schülers eingetragen bzw. bestätigt wurde.  Wir haben auszugsweise ein solches Heft zur Veröffentlichung zurVerfügung gestellt bekommen. 

Sehen Sie selbst, wie so etwas ausgesehen hat:


Bildung und Ausbildung

Auszug aus dem Aufsatz von Margit Ramus über Schausteller in der Publikation "Szabo, Sacha (Hg.), Kultur des Vergnügens Kirmes und Freizeitparks Schausteller und Fahrgeschäfte Facetten nicht-alltäglicher Orte", Bielefeld 2009.


Bis Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts war bei Schaustellern ein regelmäßiger Schulbesuch noch recht ungewöhnlich. Damals gingen viele Kinder "auf der Reise in die Schule". Dies ist eine Bezeichnung für den Schulbesuch am jeweiligen Veranstaltungsort der Eltern während der Saison. Es war nicht selten, dass das Schaustellerkind in der neuen Schule bewundernd begrüßt wurde, etwas über die Kirmes erzählte und zur Auflockerung des Unterrichts beitrug.

Montags war in vielen Orten schulfrei, und am Ende der Veranstaltung, meist dienstags meldete sich das Schaustellerkind vom Unterricht wieder ab. Hier zeigte sich die klassische Problemsituation der Schaustellerkinder. Viele Kinder verließen oft ohne Schulabschluss die Schule, nicht selten waren sie bereits im elterlichen Betrieb als Arbeitskraft eingeplant. In vielen Familien glaubte man damals, dass Lesen, Rechnen und Schreiben für den Beruf des Schaustellers ausreiche.

Eine durchaus gängige Praxis konnte im übrigen auch beobachtet werden, dass Schaustellerkinder von sich aus schlechte Noten anstrebten um einen weiteren Schulbesuch unmöglich oder überflüssig zu machen, sodass letztendlich die Schule verlassen werden musste. Es gab und gibt allerdings auch Ausnahmen, das nämlich die Ernsthaftigkeit und die Koordination vom Schulbesuch auf Reisen zum Schulabschluss führten und angestrebt wird.

Einige Eltern entschieden sich schon in den 1960er Jahren für eine Internatsunterbringung ihrer Kinder. Im Reisegebiet der Autorin, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, waren die ersten christlichen Internate, in denen Schaustellerkinder zur Schule gingen, die Ursulinen in Köln und Bonn/Hersel. Dazu kamen Jungeninternate in Siegburg, Mayen oder Rengsdorf. Daneben wurden in den 1980er zwei spezielle Schaustellerinternate in Feuchtwangen und in Herford gegründet. Das Internat in Herford besteht nach wie vor. Für das monatlich recht hohe Internatsschulgeld gibt es in einigen Bundesländern für die dort beheimateten Eltern staatliche Zuschüsse. Zum einen ist auch bei Schaustellern Bildung und Ausbildung eine Frage des Geldes. Wer nicht die finanziellen Möglichkeiten hat, kann seine Kinder nicht ins Internat schicken. Zum anderen ist es nicht unbedeutend, dass ein Internatsaufenthalt eine Trennung des Kindes von der Familie mit sich bringt. Diesen Trennungsschmerz wollen die Eltern vielfach nicht auf sich nehmen.

Manchmal bleiben die Kinder bei den schon zu Hause lebenden Großeltern oder alternativ fahren einige Schausteller ihre Kinder täglich zu ihrer Heimatschule. Dies ist jedoch meist nur m.glich, wenn es sich um Schausteller handelt, die nur rund 50 km plus/minus von ihren Heimatort Kirmesveranstaltungen beschicken.

Anzumerken wäre, dass von den Kindern, die ein Internat besucht haben, die Mehrzahl die Schule vorzeitig abbrachen, andere den Schulabschluss mit der Mittleren Reife oder dem Abitur erreichten, dennoch später fast alle wieder zu Hause im Schaustellerbetrieb arbeiteten.

Obwohl die schulische Ausbildung inzwischen einen hohen Stellenwert im Schaustellergewerbe erreicht hat, ist es heute noch gängig auf der Reise zur Schule zu gehen. Von der Kultusminister Konferenz (KMK) wurde vor einigen Jahren ein sogenanntes Schultagebuch erarbeitet, in das die Anwesenheit und Teilnahme am Unterricht der Kinder in der jeweiligen Stützpunktschule bescheinigt wird. Die Einträge werden in der Stammschule der Wintermonate auf die Schulpflicht angerechnet und tragen zur Beurteilung und Versetzung bei.

Seit 1998 stellt die Bezirksregierung kostenlos sogenannte Bereichslehrer für Schaustellerkinder zur Verfügung. Sie besuchen die Kinder auf den bestimmten Volksfestplätzen, erteilen Förderunterricht, helfen bei Hausaufgaben und sonstigen schulinternen Formalitäten. Die Einrichtung nennt sich "Schule unterwegs" und die pädagogischen Verantwortlichen haben die Problematik der Schaustellerkinder klar erkannt. In den Informationsunterlagen wird die Situation der Kinder in ständig wechselnden Schulen wie folgt beschrieben:

"Ihre Mobilität ist die Ursache dafür, dass sie aus dem Schulsystem herausfallen, und sie verhindert gleichzeitig, dass ihre Lernsituation erkannt wird: Bevor die Lehrerinnen und Lehrer an den unterwegs besuchten Schulen den Lernstand der Kinder erkannt haben, müssen diese die Schule bereits wieder verlassen. Reisende Kinder erfahren somit Schule häufig als Ort der Ausgrenzung, des Misslingens und Versagens. Dies kann dazu führen, dass diese Kinder die Schule nicht mehr besuchen wollen. Auf der anderen Seite besitzen reisende Kinder hohe Kompetenzen. Seit frühester Kindheit übernehmen sie in den Familienunternehmen zuverlässig und verantwortlich "ihre" Bereiche. Auftritte, Tierversorgung, Kartenverkauf, Reklame, Süßwarenverkauf, Auf- und Abbauarbeiten, Kinderbetreuung, Ton- und Lichttechnik, Wagenreparaturen und vieles mehr erledigen sie mit Liebe und Hingabe für "ihr" Familienunternehmen. Was im Bereich der Schlüsselqualifikationen in der Regelschule manchmal mühsam eingeübt werden muss, beherrschen diese Kinder ganz selbstverständlich. Ihr "alltags- und -anwendungsbezogenes" Wissen ist wesentlich größer als das gleichaltriger Mitschülerinnen und Mitschüler in der Regelschule".
(siehe auch www.Schule-unterwegs.de)

Obwohl inzwischen auch der Schaustellernachwuchs die Schule nicht selten mit Mittlerer Reife oder Abitur abschließt, ist das wirklich Wesentliche für einen Schaustellerjungen nach wie vor: Zugmaschine zu fahren, an der Kasse zu sitzen, eben seinen Mann zu stehen und auch manchmal schon Chef zu sein. Sorgen um Ausbildungsplätze kennen junge SchaustellerInnen nicht, weil sie fast ausschließlich im elterlichen Betrieb ihre berufliche Zukunft beginnen.

Auszug aus dem Schulbesuchs-Heft von Marlies Eisbusch ab 1959