Soziale Lebensweise

Auszug aus dem Aufsatz von Margit Ramus über Schausteller in der Publikation "Szabo, Sacha (Hg.), Kultur des Vergnügens Kirmes und Freizeitparks Schausteller und Fahrgeschäfte Facetten nicht-alltäglicher Orte", Bielefeld 2009.


Die Lebensweise der Schausteller wird nicht selten von der Bevölkerung abenteuerlich und vielleicht sogar urtümlich gesehen. Dabei geht es in der eher männerbetonten Schaustellerwelt noch recht konservativ zu.

Das Leben im Schaustellerbetrieb lässt sich mit landwirtschaftlichen Familienbetrieben vergleichen, weil hier und dort das Zusammenleben und -arbeiten den Alltag bestimmen. Erfolge können durch Fleiß und Zuverlässigkeit, ein wenig Raffinesse und Glück, einem guten Leumund bei Behörden und Lieferanten, mit einem gepflegten Geschäft, sei es groß oder klein und gutem Service erreicht werden.

Ehen werden oft innerhalb der Berufsgruppe geschlossen. Im Umfeld der Autorin ergaben sich in den 1970er Jahren einige Partnerschaften zwischen Schaustellermänner und weiblichen Personen, die in die Schaustellergemeinschaft aufgenommen wurden. Umgekehrt ist es eher selten. In den letzten Jahrzehnten liegt der Trend jedoch wieder darin, innerhalb des Schaustellermillieus zu heiraten.

Die Frauen spielen, ähnlich einem stationären Familienunternehmen, eine wichtige Rolle im Mittelpunkt der Familie. Sie vereinigen alles in einer Person: Ehefrau, Mutter, Köchin, Buchhalterin, Kauffrau, Chefin und mehr. Sie betreiben die Kassen oder sonstige Geschäfte und sind Ansprechpartner für Alltagsprobleme in der Familie und Betrieb.

Beim Mann liegen in der Regel die Verantwortung der Logistik, des Auf- und Abbaus der Geschäfte, bei technischen Störungen oder anfallenden Reparaturen.

Aufgrund der subjektiven Erfahrung der Autorin möchte sie behaupten, dass die Erziehung der Kinder meist konservativ und behütet erfolgt, und dabei sich fast immer enge und liebevolle Beziehungen zu beiden Elternteilen entwickeln. Sicherlich beeinflusst der berufliche  Alltag der Eltern die frühe Selbstständigkeit der Schaustellerkinder, die bereits schon als Heranwachsende, gemäß den Wünschen der Eltern eine wichtige Position in der Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft der Familie erfüllen.

Es besteht auch nach Eintritt der Volljährigkeit oder Heirat eine starke Familienbindung und beständiger Kontakt. Der Schaustellerbetrieb wird traditionsgemäß häufig durch Einbeziehung der Kinder vergrößert und/oder an Sohn oder Tochter weitergegeben. Anderenfalls wird von den Eltern versucht eine Starthilfe in die Selbstständigkeit der Heranwachsenden zu geben.

Die Schaustellerseelsorge liegt in den Händen, der 1954 gegründeten "Katholischen Circus- und Schaustellerseelsorge", und der seit 1967 bestehenden "Evangelischen Seelsorge auf Reisen". Vertreter beider Kirchen besuchen regelmäßig die Volksfestplätze. In Sonntagsgottesdiensten, die nicht selten auf einer Autoskooterfahrbahn oder in einem Festzelt stattfinden, werden manchmal auch die Sakramente der Taufe, Kommunion oder Konfirmation vollzogen.