Die Geschichte des Schaustellergewerbes - Übersicht des DSB

Daten aus zwei Jahrhunderten Schaustellergeschichte

1775Das erste kleine, künstlerisch gestaltete Holzkarussell ist die Attraktion im Pariser Vergnügungspark "Jardin Monceau".
1826konstruiert Engelbert Zirnkilton, ein Holzschnitzer und Schuhmacher aus Passau, den "Passauer Prater", ein Karussell mit 16 Holzpferdchen. Erste Geräte dieser Art sind schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf deutschen Jahrmärkten zu sehen.
um 1850beginnt der Einzug der Schaubuden auf den Jahrmärkten. Erstmals wird Kleinkunst dort "in organisierter Form vorgeführt", und erstmals tritt der "Recommandeur", der durch gezielte Anpreisung das Publikum neugierig macht, professionell in Erscheinung. Erst ein halbes Jahrhundert später, um 1900, entwickeln sich die ursprünglichen Schaubuden mehr und mehr zu Varietés mit musikalisch-tänzerischen, akrobatischen und magischen Programm-Bestandteilen.
1856setzt man in England erstmals - zunächst versuchsweise - die Dampfkraft zum Antrieb eines Karussells ein.
um 1890beginnt - wiederum in England - der Vormarsch der Dampfzugmaschinen, der sogenannten "Lokomobile". Diese Mehrzweckfahrzeuge haben am Bug einen Generator zur Erzeugung von elektrischem Strom für den Schausteller-Geschäftsbetrieb und können - beim Transport von Platz zu Platz - bis zu acht Wagen ziehen.
1890wird dem deutschen Volksfestpublikum die erste Schiffschaukel präsentiert. Eine besondere Attraktion ist zeitweise die sogenannte "Hexenschaukel", eine Konstruktion, bei der sich Wände und Decken um den Fahrgast in der Schiffschaukel drehen.
1893konstruiert der Ingenieur Georg W.G. Ferris das erste große Riesenrad. Noch heute heißen in den USA die Riesenräder "Ferris Wheels".
1908liefert die amerikanische Firma Bartling die erste transportable Achterbahn der Welt an einen Münchner Schausteller.
1925wird in den USA der erste Autoscooter entwickelt. Es dauert nur ein Jahr, bis diese neue Attraktion auch auf einem deutschen Jahrmarkt zu bestaunen ist.


Quellenhinweis:
Auszug aus den Internetseiten http://www.dsbev.de/das-gewerbe/geschichte/ mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Schausteller Bundes e.V. 

Schausteller - fahrendes Volk von einst

Auszug aus dem Aufsatz von Margit Ramus über Schausteller in der Publikation "Szabo, Sacha (Hg.), Kultur des Vergnügens Kirmes und Freizeitparks Schausteller und Fahrgeschäfte Facetten nicht-alltäglicher Orte", Bielefeld 2009.


Zur Kulturgeschichte vieler Orte - meist solcher, wo Märkte abgehalten wurden - gehörte seit dem frühen Mittelalter das "Fahrende Volk". Zu ihm zählten: Gaukler, Spielleute, Moritatenmaler, Bänkelsänger, Kunstreiter, Seiltänzer, Tierbändiger, Händler, Scherenschleifer sowie Quacksalber oder Barbiere. Die Fahrenden standen nicht unter dem Schutz des bürgerlichen Gesetzes, durften nicht die Tracht des freien Mannes tragen und auch nicht die Heiligen Sakramente empfangen.

Dennoch waren ihre Darbietungen, Schaustellungen und Dienstleistungen auf den jährlich stattfindenden Märkten bei Arm und Reich, Jung und Alt, sehr beliebt. In der Literatur gibt es einige wissenschaftlich fundierte Publikationen über das Fahrende Volk, aber nur wenige Veröffentlichungen stellen dar, dass beim Fahrenden Volk der Ursprung vieler Berufe liegt und technische Errungenschaften meist auf Jahrmärkten dem Volk vorgestellt worden sind. Der Jahrmarkt galt als allgemeiner Schauplatz, Zusammenkunft vieler Professionen, Künsten, Handel und Handwerk.

Als Beispiel sind hier zu nennen:

Bänkelsänger wanderten von Jahrmarkt zu Jahrmarkt und verkündeten die neuesten Nachrichten zum Zeitgeschehen. Sie stillten die Neugier und Sensationslust der Bevölkerung mit Schauergeschichten über Verbrechen, Familientragödien und sonstige Katastrophen. Dazu zeichneten Moritatenmaler Karikaturen und Werbetafeln und verkauften Druckschriften oder Bilderbögen zum Nach- und Vorlesen. Auch die ersten Bücher wurden auf den großen Jahrmärkten vertrieben.

Barbiere oder Quacksalber zogen mit Pferd und Wagen von Ort zu Ort. Sie behandelten große und kleine Wehwehchen der Menschen. Außerdem verkauften sie Wunderheilmittel in Form von Pulvern und Salben und stellten manchmal auch Abnormitäten zur Schau.

Die faszinierende Welt der Jahrmärkte zog auch Wanderbühnen an. Neben Lyrik, Poesie wurden auch politische- und soziale Kritik geboten. Sie gelten als die Vorgänger der stationären Hoftheater und Nationaltheater und aus den Wanderschauspielern wuchsen die Berufsschauspieler heran.

Seit dem 16. Jahrhundert erfreute auch der "Guckkasten" die Bevölkerung. Durch eine lupenartige Linse im Loch eines Holzkastens sah das Auge naturgetreue Ansichten und Abbilder. In dieser Miniaturwelt vermochten schaurige Szenen, ausländische Städte, Schlachten und Schönheiten, sternklare Nächte und sonnige Tage bewundert werden. Es folgte die "Laterna Magica". Eine Zauberlaterne, die aus einem Gehäuse bestand, in dessen Inneren eine Lichtquelle durch einen Hohlspiegel an der Rückwand verstärkt, die Strahlen parallel nach vorne warf. An der Vorderseite wurde ein Rohr angebracht, in dem zwei konvexe Linsen senkrecht befestigt wurden. Hinter dem gemeinsamen Brennpunkt dieser beiden Linsen schob man das transparente Bild spiegelverkehrt und auf dem Kopf stehend ein. Spezielle Szenerien auf Glasplatten gemalt und ganze Geschichten konnten so illustriert werden. Dieser Darstellungsform schloss sich der Kinematograph an, dessen Durchbruch mit der Vorführung der ersten beweglichen Bilder auf Jahrmärkten die Ära der Filmgeschichte einläutete.

Schon diese kleine Auswahl zeigt, dass viele unserer kulturellen Güter ihren Ursprung oder Verbreitung beim Fahrenden Volk haben.

Schausteller der Gegenwart

Auszug aus dem Aufsatz von Margit Ramus über Schausteller in der Publikation "Szabo, Sacha (Hg.), Kultur des Vergnügens Kirmes und Freizeitparks Schausteller und Fahrgeschäfte Facetten nicht-alltäglicher Orte", Bielefeld 2009.


Über die Entwicklung des Fahrenden Volkes des Mittelalters hin zum heutigen  Schausteller ist nur wenig schriftlich festgehalten worden. Obwohl es eine Anzahl von  Literatur über das Fahrende Volk von einst, über Schausteller und Volksfeste gibt, haben fast alle gemeinsam, dass sie von Außenstehenden  der Berufsgruppe Schausteller geschrieben und unter diesem Blickwinkel die Realität der sozialen Lebensweise oft nicht erfassen.

Die Verfasserin und ihre Familie üben seit vielen Generationen den Schaustellerberuf aus, deshalb möchte sie versuchen, auf den Spuren ihrer eigenen  Vergangenheit  sowie  als  Kunsthistorikerin  die  Lebensart  der Schausteller,  allerdings  ohne  Anspruch auf Vollständigkeit ergänzend aufzuzeichnen.

Zunächst zum Begriff Schausteller:

Der Zeitpunkt seiner Entstehung und Definition lässt sich nicht exakt bestimmen. Er soll 1822 erstmals bei Theodor Heinsius aufgetaucht sein. Heinsius erklärt, dass ein Schausteller etwas  zur  Schau stellt oder etwas anbietet, das belustigt oder unterhält (Heinsius  1822, S. 122). Wahrscheinlich  war  der Begriff Schausteller bereits früher gebräuchlich, da das Fahrende Volk typischerweise auch etwas zur Schau stellte. Sicher ist, dass es auf den Jahrmärkten ein buntes Treiben von Schaustellungen, Gesang und Tanz gab. Daneben wurden Essen, Trinken und der Verkauf von Waren aller Art angeboten. Dies entspricht auch der Definition von Theodor Hampe, der im Jahre 1902 über Schausteller schreibt:

"In der Hauptsache begreift man darunter diejenigen Fahrenden, die sich die Erheiterung und Unterhaltung ihrer Mitmenschen zum Beruf und zu ihrem Geschäft gemacht haben." (Hampe 1902, S. 7)

Der Historiker Hermann Arnold glaubt, dass "die heutige Sozialgruppe der Schausteller erst mit der modernen Schaustellerei entstanden ist." (Arnold 1980, S. 265). Mit modern meint er sicherlich, das Betreiben von Fahrgeschäften,  welches  erst mit Ende des 19.  Jahrhunderts  in  der  heute üblichen Weise  begonnen wurde. Ohne Zweifel ist das Schaustellergewerbe durch die Industrialisierung, die Dampfmaschine und Eisenbahn mit sich brachte, zu der heute bekannten Form gewachsen. Dem widerspricht jedoch nicht die Annahme, dass sich der Schausteller aus den fahrenden Marktleuten des Mittelalters entwickelt hat, zu denen sich in den vergangenen Jahrhunderten Menschen verschiedener Herkunft und Ausbildung, seien es Zuckerbäcker, Schlächter, Wirtsleute, Händler, Handwerker wie Schmiede, Schlosser, Tischler und Kaufleute gesellten.

Daneben gab es musisch und artistisch begabte Menschen, die mit Tanz, Gesang, Menagerien und sonstigen artistischen Darstellungen den mittelalterlichen Markt bereicherten. Viele dieser Komödianten haben noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg als Artisten in Kleinzirkusunternehmen oder in Menagerien gearbeitet und danach haben sie ihren Erwerbszweig gewechselt und sind ins Schaustellergewerbe umgestiegen.

Heute haben sich die Komödianten in die Gemeinschaft der Schausteller integriert, obwohl sie sich eine eigene Lebensphilosophie, die Neigung zu Musik und Tanz oder auch zum Teil sprachliche Eigentümlichkeiten über Generationen hinweg bewahrt haben.

Aus früheren Zeiten...