Informationsvernetzung und Berufsorganisationen

Auszug aus dem Aufsatz von Margit Ramus über Schausteller in der Publikation "Szabo, Sacha (Hg.), Kultur des Vergnügens Kirmes und Freizeitparks Schausteller und Fahrgeschäfte Facetten nicht-alltäglicher Orte", Bielefeld 2009.


Im Jahre 1883 wurde die erste Fachzeitschrift der Schausteller der "Komet  - Fachblatt für das Reisegewerbe und den Markthandel" in Pirmasens  gegründet. Im Komet inserierten Hersteller- und Zulieferfirmen, Städte und Gemeinden warben für Veranstaltungen, neue Gewerbeordnungen und Auflagen wurden veröffentlicht,  Arbeitsgesuche und  -angebote sowie An- und Verkäufe von Schaustellerbedarf wurden kundgegeben, außerdem verbanden Familienanzeigen die wachsende Gemeinschaft der Schausteller. Bis in die Gegenwart ist der Komet noch immer das wichtigste Forum der deutschen Schausteller. Durch ihn wird regionale und überregionale Verbundenheit gepflegt, dadurch bleiben lokale Traditionen lebendig.

Inzwischen hat sich auch die 1997 gegründete Zeitschrift "Kirmes- und Park Revue"  etabliert. Neben ähnlichen Themen der Zeitschrift Komet, werden seriell Schaustellerchroniken veröffentlicht, neue Fahrgeschäfte vorgestellt und dem Verbleib von alten Geschäften nachgegangen.

Etwa zeitgleich mit der Gründung des Fachorgans Komet institutionalisierten sich die  Schausteller in allen größeren Städten in eigenen Interessenverbänden. Im Vorfeld  war bereits 1858 der erste Verband „Freundschaft“ in Pirmasens gegründet worden. Nun folgten viele andere lokale Verbände. Am 1. April 1936 konstituierte sich die Organisation: Hauptvereinigung des Ambulanten Gewerbes und der Schausteller in Deutschland e.V. (HAGD). Sie war in drei Fachgruppen unterteilt:

1. Gewerbe nach Schaustellerart, (was bedeutete: mit Wohn- und Packwagen und  einem Schaustellergeschäft von Kirmes zu Kirmes zu reisen)
2. Ambulanter Warenhandel und
3. Ambulanter Lebensmittelhandel. (Komet 1983, S. 49)

Es gab in Ländern und Städten der Organisation angeschlossene Vereinigungen. In den 1990er Jahren wurde der Verein in "Bundesverband Deutscher Schausteller und  Marktkaufleute e.V." ,kurz  "BSM", umbenannt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1949, wurde der "Deutsche Schaustellerbund, Sitz Berlin", kurz DSB genannt, gegründet. (Schwäke 1983, S. 8). Die auf kommunaler oder Landesebene tätigen Schaustellervereine oder -verbände waren später in einem der beiden Dachorganisationen DSB oder HAGD/BSM organisiert. Zu den Aufgaben  der beiden Schaustellerverbünden gehört  die  Wahrnehmung der rechtlichen und  wirtschaftlichen Belange des Schaustellergewerbes, die Erhaltung der traditionellen Volksfeste, sowie die kulturelle Anerkennung zu verbessern.

Im Jahre 1954 schlossen sich zwölf nationale Mitgliedsverbände reisender Schausteller zur "Europäische Schausteller Union" (ESU) zusammen. Dieser Organisation sind auch der "Europäische Frauenbund" und  die  "Europäische Schausteller Jugend Union" angeschlossen. 1980 erwarb die ESU, Sitz und Stimme im Kulturausschuss des Europarates in Straßburg. Seit 2006 unter der Präsidentschaft von Albert Ritter.

Trotz der Anerkennung der Schausteller im Kulturausschuss des Europarates  haben  sich  gewisse  Vorurteile  und  Intoleranzen  erhalten. Obschon das Schaustellergewerbe wirtschaftlich längst einem mittelständischen Dienstleistungs- oder Einzelhandelsbetrieb gleichzusetzen ist, muss  es bedauerlicherweise auch heute noch um Gleichberechtigung zu anderen Gewerbezweigen und die Anerkennung als Lehrberuf kämpfen.

Die Saison der Schausteller beginnt gewöhnlich im März oder April eines  Jahres. Nach den durchschnittlich 100 Spieltagen, an denen die Geschäfte geöffnet sind, schließen viele Schausteller ihre Saison mit den zahlreich  gewordenen  Weihnachtsmärkten ab. Eine Studie vom DSB ergab, dass 178.000  Millionen  Menschen im Jahre 2007 die ca. 12.000 Volksfeste in Deutschland besuchten.

Manche  deutsche Stadt hat ihren Bekanntheitsgrad im Ausland einem Volksfest zu  verdanken. Noch immer strömen Menschen verschiedenen Alters und Herkunft zum bunten Treiben. Sie suchen den Nervenkitzel und den Genuss vieler Köstlichkeiten auf unsere Volksfestplätzen.