Wohnsituation

Auszug aus dem Aufsatz von Margit Ramus über Schausteller in der Publikation "Szabo, Sacha (Hg.), Kultur des Vergnügens Kirmes und Freizeitparks Schausteller und Fahrgeschäfte Facetten nicht-alltäglicher Orte", Bielefeld 2009.

Leider sind in der Literatur genaue Angaben über die Entwicklung der Wohnverhältnisse der Schausteller vom 19. Jahrhundert bis hin zur Gegenwart recht dürftig. Auf alten Stichen, Zeichnungen und Gemälden sind manchmal Planwagen oder selbstgebaute einfache Fuhrwerke zu erkennen. Es ist anzunehmen, dass seit Einführung der Wandergewerbeordnung mit der Möglichkeit zur Ausweitung des Reisegebietes auch die Ausstattung der Wohnwagen intensiver wurde. Etwa zeitgleich mit der Gründung von Karussellbaufirmen in Thüringen und Sachsen begann auch der Wohnwagenbau.

Ab 1883 erschienen in der Fachzeitschrift Komet, Inserate von Wohnwagenherstellern. Darunter auch die Firmen Schuhmann aus Werdau /Sachsen, von der im Markt- und Schaustellermuseum Essen ein Wohnwagen erhalten ist sowie Heinrich Mack, die im Jahre 1780 in Waldkirch/Breisgau als Stellmacherei gegründet worden war und andere. Später folgten die Firmen Eberhard Storck aus Soest, nach dem zweiten Weltkrieg Willi Dietz aus Schwalmstadt und viele andere. Die mit Pitchpine Holz verschalten Wagen waren anfangs noch klein, aber dennoch mit Kochnische, Wohn- und Schlafzimmer eingerichtet. Der Sanitärbereich beschränkte sich auf Waschschüssel und Toiletteneimer, ähnlich dem des einfachen Volkes im traditionellen Wohnungsbau dieser Zeit.

Die äußere Form des Wohnwagens war angelehnt an einen Eisenbahnpersonenwagen. Dem Tonnendach war eine Oberlichtleiste aufgesetzt. An den Längsseiten des Wagens waren beidseitig die Achsen der einzelnen Räume aufgreifend Fenster eingesetzt, die mit ausstellbaren Fensterläden geschmückt waren. Die Wohnwagentür befand sich an der Kopfseite über der Deichsel. Zwischen den Achsen waren sogenannte Kellerkästen, für Vorräte oder andere Utensilien unterzubringen, untergebaut. Mit der Zeit wurde ein kleiner Verandavorbau an die Kopfseite angebracht.

Bereits nach der Jahrhundertwende ließen sich die etwas wohlhabenden Schausteller einen gesamten Wohnwagenzug bauen. Auch dieser Begriff erinnert an die Eisenbahn, deren Entwicklung der Personenwagenausstattung parallel ablief. Der Wohnwagenzug bestand aus einem Wohnwagen mit Wohn- und Schlafzimmer und einem Küchenwagen, der mit Küche und einem dahinterliegenden Kinderzimmer ausgestattet war. Verbunden waren beide Wagen durch eine geschlossene Veranda. Diese Wohnform wurde noch bis in die 1960er Jahre beibehalten.

Daneben entwickelten sich die neueren Wagen. Die Holzverkleidung wich einer Außenverkleidung aus Leichtmetall. Die Fahrgestelle entsprachen dem jeweils aktuellen Fahrzeug- bzw. Anhängerbau. Verbesserungen im traditionellen Wohnungsbau z.B. im sanitären Bereich, fanden auch bei Schaustellerwohnwagen ihren Einzug. Eine weitere Innovation konnte seit den 1960er Jahren beobachtet werden: ein oder zwei Erker wurden aus den Seitenwänden des Wohnwagens ausgefahren.

Inzwischen werden beide Längs- und Kopfseiten fast komplett ausgezogen, sodass die heutigen Wohnwagen einem Einfamilienhaus im Komfort, Technik und Kaufpreis nahe kommen. In den 1980er Jahren wechselte man von der Runddachform zur Containerkastenbauform.

Erst in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre interessierten sich die Schausteller für den inzwischen als mobile Ferienwohnung bekannt gewordenen Campingwagen. Zunächst kaufte man kleine Wagen als externe Zimmer für die heranwachsenden Kinder. Bald nutzten einige Schausteller den Campingwagen als Ersatz für einen Wohnwagen herkömmlicher Bauart. In den 1970er Jahren wurden die Holzwohnwagen fast völlig ersetzt.

Viele Schausteller besitzen eigenen Grund und Boden, eine Halle zur Unterbringung des Geschäftes sowie ein Wohnhaus. Daher verkauften einige auch ihre großen arbeitsaufwändigen Wohnwagen und wechselten zum Campingwagen oder fahren abends sogar teilweise nach Hause. Dies ist jedoch abhängig von der Reisegewohnheit des Schaustellers. Schausteller, die Großveranstaltungen der gesamten Bundesrepublik bereisen und es sich wirtschaftlich leisten können, halten meist auch heute noch an ihren geräumigen und komfortablen Wohnwagen fest, da sie im Frühjahr ihr Haus verlassen und erst im Herbst dahin zurückkehren. Inzwischen bieten amerikanische Firmen auch eine Kombination von Wohn- und Campingwagen als amerikanischen Aufliegerwagen, kurz"„Ami" genannt, an.

Wie schon angesprochen, haben sich durch Unkenntnis der Lebensweise und dem Wohnkomfort der Schausteller noch immer gewisse Vorurteile von Seiten der Bevölkerung behalten. Ohne Zweifel hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur bei den deutschen Schaustellergeschäften eine revolutionäre Entwicklung vollzogen, sondern auch in der mobilen Wohnsituation der Schausteller. Parallel zum traditionellen Wohnungsbau sind längst dem Zeitgeschmack angepasst die moderne Einbauküche, das elegante Bad, Zentralheizung, Klimaanlage und sonstigen technischen Errungenschaften keine Seltenheit mehr.

Abschließend soll der kleine Einblick in die Welt der Schausteller mit einem Auszug einer Rede Jürgen Werners, Hauptgeschäftsführer des deutschen Fremdenverkehrsverbandes e.V. Bonn, anlässlich des 38. Delegiertentag 1987 in Herford enden:

"Die Schaustellerfamilien bestehen aus Menschen, die nicht nur alles zu können scheinen, sondern tatsächlich auch alles können, als hätten sie ein Dutzend Berufe mindestens bis zur Meisterprüfung erlernt: Schausteller sind Handwerker, Ausbilder, Erzieher, Buchhalter, Kaufleute, Spediteure, Verhandlungs- und Verwandlungskünstler, Dekorateure, [...] sie sind Köche und Versorgungsmeister, Beherbergungsgeber und Reiseexperten, Familienoberhäupter, Arbeitgeber, Seelsorger und was man sonst so alles noch sein kann. Einfach bewundernswert. Sie, die Schausteller, bringen Unmengen von "gewusst wie" mit in eine Stadt, vor allem drei Wesensmerkmale: Flexibilität, Mobilität und Improvisationskunst." 

(Werner, Jürgen: Festschrift zum 38. Delegiertentag des Deutschen Schaustellerbundes e.V Berlin,
22.01.1987 Herford In: Jahrbuch Schausteller 2000, Waiblingen 1990, S.151f.)

Schaustellerleben

Lesen Sie zum Thema Schaustellerleben auch den Zeitungsartikel auaus dem Jahr 1993 (Express 09.09.1993):